Der Kirchturm

Der historische Hintergrund

Die Neue Kirche wurde mitten im Dreißigjährigen Krieg vom Emder Stadtbaumeister Martin Faber errichtet. Finanziert wurde sie maßgeblich durch den Zuzug wohlhabender Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden. Als streng reformiertes Gotteshaus verzichtet sie im Innenraum konsequent auf jeglichen bildlichen Schmuck oder Kreuze gemäß dem biblischen Bilderverbot aus 2. Mose 20,4. Stattdessen setzten die Erbauer die theologischen und politischen Botschaften gut sichtbar außen auf die Turmspitze.


Die Symbole und ihre Bedeutung

Die Habsburger Kaiserkrone

Der zierliche Dachreiter der Kirche trägt eine Nachbildung der Kaiserkrone Rudolfs II. Dieses Symbol war kein Zeichen der Unterwerfung, sondern ein Akt des politischen Selbstbewusstseins:

  • Ausdruck von Autonomie: Die Emder Bürgerschaft demonstrierte damit ihre Unabhängigkeit gegenüber den ostfriesischen Landesherren (den Grafen von Cirksena).
  • Reichsunmittelbarkeit: Die Stadt signalisierte, dass sie sich – wenn überhaupt – nur dem fernen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches untergeordnet fühlte, ansonsten aber eine freie, selbstverwaltete Einheit bildete.

Der Wetterhahn

Über der kaiserlichen Krone dreht sich der Wetterhahn im Wind. Er erfüllt im reformierten Norddeutschland gleich mehrere Funktionen:

  • Das reformierte Kennzeichen: Während in vielen Regionen Kreuze die Kirchtürme zieren, gilt der Hahn in Nordwestdeutschland traditionell als Erkennungszeichen reformierter Kirchengemeinden.
  • Symbol der Wachsamkeit und des Lichts: Der Hahn verkündet das Ende der Nacht und den Beginn des neuen Tages. Im übertragenen Sinne steht er für Christus, der die Dunkelheit des Todes besiegt hat: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Johannes 8, 12)
    Geistlich ruft er die Gemeinde zur Wachsamkeit auf, wie es im Neuen Testament gefordert wird:
    „Seid wachsam; denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt…“ (Markus 13,35) und „
  • Mahnung zur Umkehr und Treue: Der Hahn erinnert unweigerlich an die Passionsgeschichte, in der Petrus Jesus dreimal verleugnete, bevor der Hahn krähte. Er steht damit als unübersehbarer Mahner zur persönlichen Treue im Glauben und zur Reue:
    „Da dachte Petrus an das Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.“ (Matthäus 26,75)