Zwei Türen, zwei Zeichen – die Wappen an der Neuen Kirche
Wer die Neue Kirche in Emden betritt, geht durch eines der beiden historischen Portale an der Nordseite des Gebäudes. Über den Türen begegnen uns zwei besondere Zeichen: das Wappen der Stadt Emden und das Siegel der reformierten Gemeinde.
Auf den ersten Blick sind es lediglich kunstvolle Schmuckelemente. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt darin eine spannende Verbindung von Stadtgeschichte, Glauben und dem Selbstverständnis der Menschen, die die Neue Kirche vor fast 400 Jahren erbauten.


Damit stehen sich an den beiden Eingängen zwei zentrale Gedanken gegenüber: die Stadt und die Gemeinde.
Das Emder Stadtwappen – „Engelke up de Mür“
Über dem nordwestlichen Portal befindet sich das bekannte Wappen der Stadt Emden, im Volksmund „Engelke up de Mür“ genannt.
Wer genauer hinsieht, entdeckt eine Besonderheit: Die weibliche Figur ist barbusig dargestellt. Das mag für heutige Betrachter zunächst ungewöhnlich wirken. Tatsächlich handelt es sich dabei nicht um einen Engel im christlichen Sinne, sondern um eine Harpyie, eine Gestalt aus der antiken Mythologie.
Die Harpyie ist eine geflügelte weibliche Figur und gehört seit Jahrhunderten zur Wappentradition der Stadt Emden. Ihre Darstellung mit nacktem Oberkörper ist Teil dieser historischen Bildsprache und keine Besonderheit, die eigens für die Neue Kirche geschaffen wurde.
Die Figur steht hinter einer zinnenbewehrten Mauer und über den Wellen der Ems. Damit verbindet das Wappen zentrale Elemente der Stadt: die befestigte Stadt, die Lage an der Ems und die Identität Emdens.
Über dem Portal der Neuen Kirche bekommt dieses Stadtzeichen eine besondere Bedeutung. Die Kirche wurde zwischen 1643 und 1648 mitten in der Stadt errichtet. Das Wappen macht sichtbar:
Die Neue Kirche steht nicht außerhalb des städtischen Lebens, sondern mitten in Emden und seiner Geschichte.

Das Gemeindesiegel – Christus als Fundament
Über dem nordöstlichen Portal befindet sich das kunstvoll gestaltete Siegel der reformierten Gemeinde. Im Mittelpunkt steht die niederdeutsche Inschrift:

„AM CHRISTVS IS DE ENIGE STHEN DARVP SYNE GEMENTE RVST“
Übersetzt bedeutet es so viel wie:
„Christus ist der einzige Stein, auf dem seine Gemeinde ruht.“
Im Inneren des Siegels ist eine befestigte Stadt mit zwei Türmen dargestellt. Aus dem Tor strömt Wasser. Die Darstellung verbindet damit das Bild einer schützenden Stadt mit dem Gedanken von Leben und Versorgung. Umgeben wird das Siegel von reichhaltigem barockem Schmuck: Zwei geflügelte Gestalten flankieren die Darstellung, darüber finden sich Früchte und Blätter als Zeichen von Fülle und Leben.
Besonders eindrücklich ist der Bereich darunter: Ein Totenkopf mit gekreuzten Knochen, eine Sanduhr und eine brennende Öllampe erinnern an die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. Die Sanduhr steht für die verrinnende Zeit, der Totenkopf für die Sterblichkeit des Menschen. Die brennende Lampe kann dabei als Zeichen des Lebens und des bewussten Wachens verstanden werden.
So verbindet das Siegel sehr unterschiedliche Bilder: Stadt und Gemeinde, Leben und Tod, Zeit und Ewigkeit. Über allem steht die zentrale Aussage der Inschrift: Was auch vergeht und sich verändert – Christus ist der feste Grund, auf dem die Gemeinde ruht.
Eine kleine Predigt aus Stein
Vielleicht liegt gerade darin die besondere Schönheit dieser beiden Portale.
Sie sind nicht nur historische Schmuckelemente.
Sie können auch als eine kleine Predigt aus Stein verstanden werden.
Wer durch die Tür der Neuen Kirche geht, kommt aus der Stadt und ihrem Alltag in einen Raum des Glaubens.
Über der einen Tür begegnet uns das Zeichen Emdens, über der anderen das Bekenntnis der Gemeinde.
Die Stadt verändert sich. Gebäude werden gebaut, zerstört und wieder aufgebaut. Generationen kommen und gehen. Die Sanduhr läuft weiter.
Und dennoch steht über dem Gemeindesiegel seit Jahrhunderten die Zusage:
„Christus ist der einzige Stein, auf dem seine Gemeinde ruht.“
Die beiden Portale erinnern uns damit an drei Dinge:
Wir haben einen Ort – Emden.
Wir haben ein Fundament – Christus.
Und wir haben eine begrenzte Zeit – unser Leben.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, beim nächsten Besuch der Neuen Kirche einmal bewusst vor den beiden Portalen stehen zu bleiben.
Denn über den Türen sehen wir nicht nur historische Wappen.
Wir sehen ein Stück Emder Geschichte – und zugleich eine Botschaft über das Leben und den Glauben.